Es gibt in unserer Zivilisation zwei Grund-Kräfte: Die eine ist die Vernunft. Die andere ist der Trieb.

Die Vernunft will langfristig das bestmögliche für alle erreichen. Der Trieb zielt darauf, kurzfristiges Eigeninteresse zu befriedigen.

Die Vernunft versucht, die Triebe zu berücksichtigen, der Trieb aber schert sich im Zweifel nicht um die Vernunft. Aufgrund dieser Asymmetrie will und darf die Vernunft bevorzugt werden, aber der Trieb ist nun mal auch da und er muss mit einbezogen werden.

In unserer demokratischen Gesellschaftsordnung wirkt die Vernunft durch Miteinander reden, sorgfältiges Abwägen und faires Abstimmen.

Die Gelbwesten sind eine diffuse Bewegung, die weit von diesen Kriterien entfernt ist. Sie ist triebhaft.

Ähnliches gilt gleichermaßen sowohl für große Teile des gegenwärtig wieder erstarkenden Nationalismus in Europa als auch für den Linksextremismus und seine übertrieben radikale Kapitalismuskritik.

 

Was die Gelbwesten, die AFD, Pediga – kurz den gesamten sogenannten „Populismus“ in Europa so gefährlich macht, ist gerade ihre Unschärfe, unter der sich alles Mögliche versammeln kann, was triebhaft ist.

Unter dem Mantel dieser Unbestimmtheit bilden sich nun zwei mächtige Allianzen. Die eine ist die zwischen Links und Rechts.

Eine solche Allianz ist brandgefährlich. Schon einmal wurde sie geschlossen. Unter Hitler. Seine Partei hieß „nationalsozialistisch“. Es war eine sozialistische linksextreme Partei, die eine Allianz mit dem Nationalismus einging.

Hitlers Reden strotzen vor radikaler Kapitalismuskritik.

So stark eine solche Allianz von links und rechts auch sein mag, sie wird eingedämmt von einer anderen mächtigen Kraft: Der der Vernunft. Was die Stärke dieser Allianz ist – nämlich ihre Radikalität und das Abzielen auf Triebe – ist zugleich ihre Schwäche. Die Vernunft ist ausgleichender und bildet dauerhafte Mehrheiten.

 

Noch viel gefährlicher wird diese erste Allianz daher durch eine zweite Allianz, die sich ebenfalls gerade zu bilden droht.

Diese zweite Allianz muss unbedingt verhindert werden. Die Errungenschaften unserer Zivilisation – Rechtsstaat, Freiheit und Menschenrechte stehen auf dem Spiel.

Was ist diese zweite Allianz, die Populismus, Nationalismus und Extremismus zu einem verehrenden Brand machen könnte? Es ist die Verbindung zwischen diesen diffusen Bewegungen und dem Bürgertum – zwischen Mob und liberalen Intellektuellen, zwischen Trieb und Vernunft.

 

Genau das passiert gerade in der AFD.

Wenn man sich parlamentarische Redebeiträge von AFD-Delegierten anhört, erscheinen sie vernünftig. Man kann anderer Meinung sein über den Inhalt, aber es gibt Themen, in denen die AFD als Einzige eine bestimmte Position besetzt, die durchaus im vernünftigen Spektrum liegt. Die AFD hat dadurch Alleinstellungsmerkmale, die sie für vernünftige Menschen interessant macht. (Auch in harmlosen Fragen wie zum Beispiel beim Thema Geschlechter – ein abgeordneter Professor der AFD befürwortet das dritte Geschlecht – wendet sich aber gegen den „Genderwahn“) Das ist schon im Ursprung der Partei erkennbar: Die Partei wurde im Umkreis liberalkonservativer Gelehrter gegründet. Ich kenne viele Rechtsanwälte, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure, die die AFD in den ersten Monaten ihrer Entstehung befürwortet haben.

Das gefährliche an der AFD sind nicht diese Intellektuellen. Die Gefahr geht vom rechten Flügel der AFD aus, von den Nationalisten und Radikalen. Alleine wären diese eine geringere Gefahr, weil ihnen die Kapazität fehlt, vernünftige Menschen von ihren kruden Ansichten zu überzeugen. Jetzt aber – in der Allianz mit den Intellektuellen sind sie eine Gefahr.

Was macht sie so gefährlich? Etwa ihre Argumente? Nein, die gerade nicht, sondern die Schlägertrupps, die sie eines Tages bilden könnten.

Jene, die sich heute überlegen fühlen durch ihren Intellekt oder durch ihre Moral haben wenig Chancen gegen Menschen, die nicht mehr zuhören sondern losschlagen. Wenn sich diese Kräfte organisieren bedrohen sie unsere Zivilisation. Aber noch werden sie zurückgehalten.

Die AFD hat ihre Richtung deutlich gemacht: Erst ging Luke. Die Partei wurde zu radikal. Dann wurde sie zu radikal selbst für Petry.

Was würde passieren, wenn auch die jetzige Riege der Partei abgelöst würde durch eine noch radikalere Besetzung. Was, wenn der rechte Flügel aufsteht und einfach sagt: Danke ihr könnt jetzt gehen, wir übernehmen. Vielleicht nicht mal durch eine faire Wahl sondern durch eine Druckkulisse die sich gegen die jetzige Führung richtet, weil diese  nicht mehr radikal genug ist.

Die NSDAP bestand ebenfalls aus Intellektuellen und fanatischen Schlägertrupps.

Wie gesagt werden diese Kräfte momentan noch zurückgehalten. Wodurch?

Durch die prosperierende Wirtschaft. Die NSDAP war in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Minderheitsbewegung, die kaum über 5% hinauskam. Im Umfeld der Weltwirtschaftskrise erreichte sie plötzlich ein Drittel der Bevölkerung.

Es droht momentan keine unmittelbare Weltwirtschaftskrise. Wir sollten allerdings nicht warten bis eine kommt und unsere Welt um 100 Jahre zurückwirft.

 

Was können wir tun?

Die AfD lächerlich machen, abstempeln und ausgrenzen wie es bisher geschehen ist? Sicher nicht. Uns noch schneller modernisieren, öffnen und sozusagen ein bisschen „grüner“ oder liberaler werden? Leider – so gerne wir es möchten – auch nicht. Denn wir dürfen bei aller Vernunft die Triebe nicht vergessen. Wir müssen sie zum Teil mit ins Boot holen, die Entwicklung langsam genug gestalten, so dass die meisten mitkommen. Intellektuell und wirtschaftlich. Wir sollten aufpassen, dass nicht zu viele abgehängt werden. Wir müssen manche Entwicklungen, die wir vorantreiben wollen, besser erklären und in offeneren Diskussionen gestalten. Das betrifft auch Notweniges wie die Aufnahme von Flüchtlingen und den Klimaschutz.

Wir sollten keine Angst haben, Argumente der AFD aufzugreifen.

Im Gegenteil, wir sollten diese Argumente ausführlich diskutieren. Damit sie eine Chance haben, miteinbezogen zu werden. Andernfalls riskieren wir eine Radikalisierung. Wir sollten die konservativ-Intellektuellen Kräfte um jeden Preis aus der ADF heraushalten und sie in den Debatten salonfähig halten. Ohne Einschränkungen sollten wir über alles reden können.

Wenn es bessere Argumente gibt, werden sie sich durchsetzen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es diese besseren Argumente nicht gibt.

Leider heißt es heute oft despektierlich, dass die Nähe zur AFD gesucht würde, wenn sich Vertreter aus Parteien wie CSU, CDU oder FDP, teilweise auch SPD in Richtung der Argumente der AFD bewegen. Argumente und Partei sind verschiedene Dinge. Das eine ist sachlich das andere personell und strukturell. Wenn in einer nicht-radikalen Partei Argumente diskutiert werden ist das keine Gefahr. Im Gegenteil nimmt es den Argumenten den Wind aus den Segeln, weil nicht mehr nur die AFD diese diskutiert.

Eine Gefahr entsteht erst wenn diese Argumente allein in einer Umgebung der Radikalität abgewogen, vielmehr dort nicht „abgewogen“, sondern „angeführt“ werden.

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn die AFD 2013 in den Bundestag eingezogen wäre und sich fortan dort mit einem liberalkonservativen Flügel als Minderheit etabliert hätte, anstatt wie jetzt mit radikalerem Personal eine weit größere Besetzung zu stellen.

Politiker wie Helmut Schmidt und Gerhard Schröder haben und hatten in den letzten Jahren den Mut, (zum Beispiel in Fragen von Flüchtlingen oder Putin) auch solche Positionen zu vertreten, die vielleicht nicht ganz „politisch korrekt“ waren. Entscheidend ist, das diese Positionen vernünftig sind und als solche diskutiert werden dürfen und sollten – ob sie dann im Wettbewerb der Ideen gewinnen ist eine andere Frage.

Bezeichnend ist, dass Politiker wie Friedrich Merz dafür kritisiert werden, dass sie reich sind und Verbindungen zur Finanzwirtschaft haben. Noch bezeichnender ist, das Merz das nicht offen zu diskutieren scheint. Er rechnet sich zur Mittelschicht anstatt zu sagen: „ja ich verdiene viel – aber trotzdem kann ich die Probleme in diesem Land angehen“. In Deutschland kommt es nicht gut an, wenn man reich ist. Es sollte aber in der Politik keine Rolle spielen ob jemand reich oder arm ist.

Die Gelbwesten, die Krawalle auf dem G20 Gipfel in Hamburg und Demonstrationen in Chemnitz zeigen ebenso wie Brexit und Trump-Wahl, dass es einen diffusen Unmut in der Bevölkerung gibt. Dieser Unmut richtet sich auch gegen eine gefühlte Überlegenheit, sei sie durch Elite oder durch Reichtum begründet. Problematisch ist es, wenn sich Linke Politikerinnen wie Sarah Wagenknecht positiv zu den Gelbwesten, äußern was eine entfernte Ähnlichkeit mit der Unterstützung von Pediga & Co durch die AFD aufweist. Ein einfaches „Ich will jetzt mehr haben“ mit dem Knüppel in der Hand könnte irgendwann die vernünftige Diskussion abschalten. Sollte sich dieser Unmut in großen Teilen der Bevölkerung weiter ausleben und organisieren, hieße das, dass Triebe die Herrschaft über die Vernunft übernähmen.

 

Wir müssen das verhindern.

Wie?

1) Indem wir mit Anhängern von AFD, Pediga, Gelbwesten, Linksradikalen reden und ihnen zuhören ohne unsere vermeintliche Überlegenheit zu demonstrieren. (Die Journalisten Dunja Hayali zum Beispiel hat demonstriert, wie das gehen kann, indem sie mutig während der Chemnitzer Demonstrationen Interviews führte.)

2) Indem wir sachlicher über soziale Gerechtigkeit reden (Gerechtigkeit heißt nicht, dass alle möglichst gleich viel haben, sondern das alle das bekommen, was sie verdienen – neue Formen wie Grundsicherung dürfen dennoch diskutiert werden )

3) Indem wir alle vernünftigen konservativen, sozialen und liberalen Kräfte begrüßen, auch wenn wir ihre Meinung nicht teilen sollten.

4) Indem wir die Rahmenbedingungen für eine prosperierende Wirtschaft erhalten. (Dazu gehören z.B. Steuersenkungen sowie der Abbau von Bürokratie und Regulierung.)

5) Indem wir diffusen Protesten unsere Unterstützung verweigern und jede Form von illegitimer Gewalt gänzlich ablehnen.

Europa darf sich nicht auf die anderen Teile der Welt verlassen. In China hat man ein völlig anderes Verständnis von Freiheit und Menschenrechten. Dort sind nicht einmal Facebook und Google erlaubt. Die USA könnten sich ebenfalls radikalisieren. Russland ist kaum eine lupenreine Demokratie. Daher ist unser vereintes Europa wichtig als Kämpfer für Weltoffenheit und bürgerliche Freiheit.

 

Fazit:

Die Welt wird ungemütlicher. Es droht Brandgefahr durch radikale Kräfte. Der Apell geht nicht an die Extremen, sondern an die Vernünftigen. Öffnen wir uns für die sachliche Diskussion in alle Richtungen – wehren wir uns auf diese Weise gegen die Radikalität. Wenn wir das richtig machen, werden wir den Brand löschen und unsere Zivilisation friedlich weiterentwickeln können.

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„Eine rare Kombination von Philosophie, Wirtschaftswissenschaft und gesundem Menschenverstand – anschaulich, unterhaltsam, lehrreich und persönlichkeitsbildend.“
Prof. Dr. Volker Eichener

„So macht es Spaß, sich nicht nur mit seinen Finanzen, sondern auch mit der eigenen Einstellung zum Geld und weit darüber hinaus zu beschäftigen. Ein Feuerwerk an Erkenntnisgewinnen für jeden Leser.“
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€uro fondsxpress vom 2. Februar 2018

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